Interview mit Julia Kordick, Global Black Belt für Developer Experience und Productivity bei Microsoft
„Am Ende musst du selbst durch die Tür gehen“
Wir durften Julia Kordick, Global Black Belt für Developer Experience und Productivity bei Microsoft, zum Thema Frauen in der Tech-Branche und den Umgang mit strukturellen Herausforderungen interviewen.
In welcher Position befindest du dich aktuell?
Ich arbeite bei Microsoft als Global Black Belt mit dem Beititel Developer Experience und Productivity. Das bedeutet, dass ich mit Großunternehmen darüber spreche, wie sie ihre Softwareentwicklung besser machen können und was sie tun können, um agentische KI in ihrem Unternehmen erfolgreich einzusetzen.
Ich bin in der technischsten Rolle im Sales, die man bei Microsoft haben kann. Ich übersetze zwischen verschiedenen Welten: Kunden, Engineering, interne Teams. Jeder schaut anders auf die Dinge und ich versuche, das so zusammenzubringen, dass es für alle Sinn ergibt und umsetzbar ist.
Wie hast du den Einstieg in die Tech-Welt gefunden?
Das war ehrlich gesagt eher eine Fügung von verschiedenen Ereignissen, die man nicht wirklich planen kann. Ich hatte in der Schule Informatik ab der siebten Klasse und war dort die einzige Frau im Kurs. Am Anfang war das auch nicht besonders spannend. Viel Excel, viel PowerPoint, hat mich alles nicht so interessiert.
Erst als wir angefangen haben zu programmieren, wurde es interessant. Und dann hatte ich so einen Moment, wo ich dachte: Okay, vielleicht kann ich das einfach gut. Gefördert hat mich zu diesem Zeitpunkt niemand. Aber ich wurde auch nicht ausgebremst. Ich hatte einfach diesen Raum, das für mich selbst rauszufinden.
Nach der Schule war mein Weg nicht geradlinig. Ich habe erstmal diverse andere Sachen gemacht, dann Informatik studiert. In der Uni habe ich mich aber nie wie die große Entwicklerin gefühlt.
Erst im Job hat es Klick gemacht. Ich bin damals nach dem Studium in ein mittelständisches Unternehmen gegangen, das Software für Banken und Versicherungen entwickelt hat. Fachlich war das jetzt nicht besonders aufregend, aber dort habe ich gemerkt, wie Programmierung in der Realität funktioniert. Ich habe gerne gecodet und mich in Probleme reingefuchst. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass ich gut darin bin, komplexe Dinge runterzubrechen und sie für andere verständlich zu machen.
Der Schritt zu Microsoft kam dann auch nicht über den klassischen Weg, sondern eher über Netzwerk und Timing. Ich habe auf einem Hackathon am Stand von AWS einen Cloud Solution Architect kennengelernt und konstruktive Kritik an deren Services geäußert. Das fand der irgendwie gut und hat mich dann auf passende Rollen bei Microsoft aufmerksam gemacht. Am Ende war es eine Mischung aus Zufall und Initiative. Die Möglichkeit war da und ich habe sie genutzt.
Welche konkreten Maßnahmen oder Werte in deinem Unternehmen tragen zu einem inklusiven Umfeld bei?
Ich glaube, man muss da ehrlich sein: Inklusion entsteht nicht durch Programme allein, sondern durch Menschen. Was ich positiv erlebt habe, ist aktives Hiring. In einigen meiner Teams wurde bewusst darauf geachtet, mehr Frauen einzustellen. Das war keine zufällige Entwicklung, sondern eine klare Entscheidung. Und das macht natürlich erstmal einen Unterschied, weil sich Dynamiken im Team verändern.
Aber das alleine reicht nicht. Wenn solche Initiativen stark von Hierarchie oder Eigeninteresse geprägt sind, dann wird das schnell zu einem Pflichtprogramm. Dann wirkt das zwar von außen inklusiv, aber im Alltag fühlt es sich nicht so an.
Der eigentliche Unterschied entsteht im Verhalten. Mein aktueller Manager ist da ein gutes Beispiel. Wenn ich ihm Dinge erzähle, die mir aufgrund patriarchaler Strukturen passieren, hört er einfach zu und relativiert nicht, sondern fragt: Was brauchst du? Was soll ich tun?
Das klingt total basic, aber ist es nicht. Genau solche Reaktionen entscheiden darüber, ob man sich ernst genommen fühlt oder ob man das Gefühl hat, man muss sich erstmal rechtfertigen.
Für mich gehört das zusammen: strukturelle, progressive Entscheidungen wie Hiring und Menschen, die im Alltag als Allies handeln.
Hast du im Arbeitsalltag erlebt, dass dir anders begegnet wird als männlichen Kollegen?
Ja, auf jeden Fall. Selbst wenn du intern ein gutes Umfeld hast, triffst du im Austausch mit externen Personen oft auf ganz andere Realitäten.
Wenn ich beispielsweise mit einem männlichen Kollegen in einem Termin bin, wird er bei technischen Themen zuerst adressiert. Egal, ob vorher klar ist, dass ich die technische Ansprechpartnerin bin. Das passiert oft ganz automatisch – eben internalisiert.
Und dann gibt es diese kleineren Dinge, die sich summieren. Kommentare wie: „Deine Ideen sind ja ganz gut.“ Das sogenannte „Belittling“. Du hast gerade etwas gebaut, das funktioniert, und trotzdem wird es sprachlich so abgeschwächt, dass es nicht mehr wie eine klare Leistung wirkt.
Wichtig ist mir dabei: Das ist kein reines „Männer gegen Frauen“-Thema. Das ist ein System. Diese Muster werden von allen reproduziert, bewusst oder unbewusst.
Und genau deshalb reicht es nicht, nur firmenintern an Kultur zu arbeiten. Man muss sich auch damit auseinandersetzen, eine Sprache dafür zu finden, diese Strukturen im Patriarchat klar zu benennen, und einen Umgang damit zu entwickeln, wie man ihnen auch nach außen begegnet.
Hast du schon mal unter dem Imposter-Syndrom gelitten?
Ja, total. Besonders als ich zu Microsoft gekommen bin. Ich hatte von vielen Themen einfach keine Ahnung. Das war nicht nur ein Gefühl, das war auch Realität. Meine Strategie war dann ziemlich simpel: Ich habe mir alles aufgeschrieben, was ich nicht wusste, und habe es gelernt. Stück für Stück. Und irgendwann kippte das. Dann hab ich gemerkt, okay, die Evidenz, all meine Erfolge und erklommenen Karrierestufen, sprechen dafür, dass ich weiß, was ich mache. Die Zweifel gehen nicht komplett weg. Aber ich kann sie heute besser einordnen.
Wie hast du das nötige Selbstvertrauen in deine Fähigkeiten aufgebaut?
Ein Teil ist einfach Erfahrung. Ich habe über die Zeit genug Beweise dafür gesammelt, dass ich eine gute Entwicklerin bin.
Ein anderer Teil sind Menschen. In meinem Fall gab es Leute, die irgendwas in mir gesehen haben und mich gepusht haben. Aber am Ende musste ich natürlich selbst durch die Tür gehen.
Das ist so ein Muster, das sich durch meine ganze Karriere zieht. Da ist eine Chance, und ich denke mir: Okay, ich gehe da jetzt rein. Auch wenn ich noch nicht alles kann.
Welche Veränderungen wünschst du dir in der Tech-Welt?
Ich glaube, wir müssen anfangen, Dinge klar zu benennen. Das ist im technischen Kontext genauso. Wenn du Probleme nicht ansprichst, baust du technische Schulden auf. Und im gesellschaftlichen Kontext ist es nicht anders.
Wenn wir diese Strukturen nicht benennen, bleiben sie bestehen.
Und ich wünsche mir, dass wir konsequenter werden. Dass man auch mal sagt: Das war gerade nicht okay. Auch im Kundenkontext. Und dass Inklusion nicht nur ein Buzzword ist, sondern im Alltag stattfindet.
Welchen Rat würdest du jungen Frauen geben, die in die Tech-Branche einsteigen wollen?
Wenn du ein Thema findest, das dich wirklich interessiert, dann geh da rein. Es gibt keinen perfekten Weg. Wirklich nicht.
Mach Dinge, die dich weiterbringen, auch außerhalb von deinem Job. Ich habe zum Beispiel Programmierkurse für Geflüchtete und Menschen mit Migrationshintergrund gegeben, um aus meiner Bubble rauszukommen und meinen Horizont zu erweitern.
Und bleib authentisch. Sich zu verbiegen, um in ein starres System zu passen, bringt dir langfristig nichts. Ich habe irgendwann aufgehört, mich dafür zu schämen, dass ich eine Frau bin. Ich sehe das heute eher als Teil meiner Perspektive. Und damit auch als Stärke für mich und andere.
Liebe Julia, vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast und so offen Einblicke in deinen Werdegang und deinen Arbeitsalltag gegeben hast. Du hast gezeigt, wie wichtig es ist, Probleme klar zu benennen. Der Diskurs rund um Gleichberechtigung in der Tech-Branche ist noch lange nicht abgeschlossen. Umso wichtiger sind Perspektiven wie deine, die sichtbar machen, wo Strukturen noch nicht funktionieren und damit die Grundlage schaffen, sie zu verändern.